Interview Dr. Wolfgang Plischke
Innovationen sind Triebfeder des Erfolges


Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen hat der Konzern in seiner Geschichte durch eine Vielzahl bahnbrechender Erfindungen in den unterschiedlichsten Bereichen von sich reden gemacht. Denken Sie nur an das Jahrhundert-Pharmakon Aspirin oder lebensrettende Antibiotika, an unsere modernen Pflanzenschutzmittel oder an das Polycarbonat Makrolon, aus dem heute etwa jede dritte weltweit produzierte CD und DVD hergestellt wird. Zum anderen setzen wir auch in Zukunft auf Produkte aus unserer Forschung.
Wie schafft es der Konzern, innovativ ganz vorne mitzuspielen?
Zunächst einmal haben wir in allen drei Arbeitsgebieten – Gesundheit, Ernährung und hochwertige Materialien – den Anspruch, ein führendes Forschungsunternehmen zu sein. So wendeten wir 2005 insgesamt 1,9 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung auf. Und auch in diesem Jahr werden sich unsere Ausgaben auf diesem Gebiet in ähnlicher Höhe bewegen. Damit liegen wir an der Spitze unserer Branche in Deutschland. Denn wir sind davon überzeugt, dass Innovationen Motor des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts sind – und die Basis für unseren eigenen künftigen Erfolg bilden.
Aber trifft diese Erkenntnis nicht auch auf andere Unternehmen zu? Wie unterscheidet sich Bayer von seinen Mitbewerbern?
Ganz erheblich. Denn wir bei Bayer haben eine einzigartige Ausgangssituation. Die kombinierte Erfahrung um Mensch, Tier, Pflanze und Materialien eröffnet uns immer wieder neue Möglichkeiten. Und gerade an den Schnittstellen zwischen den verschiedenen Bereichen und Disziplinen entstehen oft Innovationen.
Zum Beispiel?
Wir forschen derzeit mithilfe der Biotechnologie an der Möglichkeit, Pflanzen für die Herstellung von Medikamenten zu nutzen. Oder nehmen Sie die Medizintechnik: Hier entwickeln wir Auflagen für chronische Wunden, in deren Materialien pharmazeutische Wirkstoffe eingelagert sind und die so Infektionen verhindern. Solche Projekte, die außerhalb der derzeitigen Geschäftsgebiete unserer Teilkonzerne liegen, betreut die Bayer Innovation GmbH. Sie soll innovative Ideen zu tragfähigen Konzepten weiterentwickeln.
Und wie sieht es mit den Neu-Entwicklungen in den einzelnen Teilkonzerne aus?
Sehr gut. Nehmen Sie allein die zukünftige Bayer Schering Pharma AG. Hier haben wir zahlreiche, viel versprechende Medikamente bereits in der letzten Phase vor der Markteinführung. Zum Beispiel prüfen wir, ob unser Medikament Nexavar, das bereits in vielen Ländern zur Behandlung von Nierenkrebs zugelassen ist, auch bei fortgeschrittenem Leberkrebs oder metastasierendem Melanom eingesetzt werden kann. Oder unser Faktor-Xa-Hemmer, der bislang überzeugende Ergebnisse bei der Prävention von Schlaganfällen bei Vorhofflimmern zeigt.
Dies sind alles Bayer-Entwicklungen. Was kommt denn von Schering-Seite hinzu?
Auch hier haben wir wesentliche Innovationen in der Pipeline: Ich nenne nur Betaferon, das zur Behandlung von Multipler Sklerose schon auf dem Markt ist. In der größten bis dato gemachten Studie wird nun die Steigerung der Wirksamkeit durch Einsatz der doppelten Dosis Betaferon geprüft. Im Bereich der Onkologie läuft ein breites klinisches Entwicklungsprogramm der Phase II mit unserem neuartigen Wirkstoff ZK-EPO zur Behandlung verschiedener solider Tumore.
Wie ist die Situation bei Bayer CropScience?
Hier sind wir die weltweite Nummer eins im Bereich des konventionellen Pflanzenschutzes. Um diese Position zu halten und auszubauen, müssen wir Forschung und Entwicklung vorantreiben. Und ich meine, wir sind auf einem guten Weg. So stehen in den nächsten fünf Jahren zehn Projekte auf dem Sprung zur Vermarktung: zwei Insektizide, drei Fungizide und fünf Herbizide. Das Ziel ist hier, dass wir innerhalb der nächsten zehn Jahre mehr als 50 Prozent des Pflanzenschutz-Umsatzes mit patentgeschützten Produkten bestreiten. Entscheidend stärken wollen wir auch den Bereich Bio-Science. Hier soll das Forschungsbudget von derzeit rund 80 Millionen Euro jährlich auf deutlich mehr als 200 Millionen Euro im Jahr 2015 ausgebaut werden.
Kommen wir nun zu Bayer MaterialScience. Wo liegen dort die Schwerpunkte?
Aus diesem Teilkonzern sind allein in der jüngsten Zeit zwei beachtenswerte Geschäftsmodelle hervorgegangen: das Start-up-Unternehmen Lyttron, das sich auf die Herstellung von leuchtenden, dreidimensional verformbaren Folien konzentriert, sowie der Einstieg in die Produktion von „Carbon Nano Tubes“– Mini-Kohlenstoff-Röhrchen, die die Festigkeit oder Leitfähigkeit von Kunststoffen erheblich verbessern können. Den Innovationsprozess will Bayer MaterialScience unter dem Motto „Transformational Growth“ weiter ausbauen, in dem man interessante technologische Trends noch gezielter aufgreift. Zügig entwickelte, marktorientierte Lösungen sollen dann neben dem Kerngeschäft vermehrt einen zusätzlichen Wertbeitrag leisten. Neben den Folien und der Nanotechnologie sind intelligente Oberflächen, Katalyse sowie Holographische Speichermedien Erfolg versprechende Schwerpunkte.
Bei Bayer forscht auch Bayer Technology Services. Womit beschäftigt sich die Servicegesellschaft?
Hier werden teilkonzernübergreifend innovative Methoden und übergeordnetes Know-how entwickelt. Als Stichworte nenne ich nur die „Smart Factory“ als Produktionsanlage der Zukunft oder die Systembiologie, bei der es darum geht, die Entwicklung von Medikamenten und ihre Anwendung durch Computersimulationen zu unterstützen. Schließlich auch die Entwicklung von handlichen Biochips, mit denen sich Blut, Pflanzen oder sogar Lebensmittel auf unerwünschte Bestandteile untersuchen lassen. All dies sind Zukunftsthemen, an denen Bayer Technology Services intensiv arbeitet.
Forschen Sie auch mit Universitäten oder anderen externen Partnern zusammen?
Ja, wir pflegen weltweit über 800 wissenschaftliche Kooperationen – von den Life Sciences bis zur Prozesstechnolgie, vom Forschungs-Stipendium bis zum Stiftungslehrstuhl. Wir konzentrieren uns dabei auf die Wirkstoffsuche für neue Medikamente und Pflanzenschutzmittel, auf die Materialwissenschaften sowie auf die Schlüsseltechnologien der Zukunft, auf die Bio- und Nanotechnologie. Der ständige Austausch mit Wissenschaftlern in aller Welt vermittelt uns neue Impulse und Ideen. Dies ist essentiell für ein Unternehmen wie Bayer, das von Innovationen lebt.

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Ausgabe 18 (2006)
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